Mein FSJ – Ein Rückblick

Drei Monate ist es jetzt schon her, dass ich in Frankfurt aus dem Flugzeug gestiegen bin, dass ich Argentinien nach einem Jahr auf unbestimmte Zeit verlassen habe. Es hat länger gedauert als erwartet, bis ich mich in Deutschland wieder zurecht gefunden habe; ein Phänomen, das ich wohl guten Gewissens als „reverse culture shock“ bezeichnen kann. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich hier solange nichts geschrieben habe.

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Der andere Grund ist auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so einfach zu verstehen: Ich weiß nicht, wie ich von diesem Jahr berichten soll. Einerseits liegt das sicher am Umfang der Erlebnisse, in einem Jahr ist doch recht viel passiert, andererseits aber auch an meinem Anspruch, keine Vorurteile entstehen zu lassen.

Schon öfter wurde ich mit dem Satz „Das ist in diesen Ländern halt so.“ konfrontiert, wenn ich von etwas erzählt habe. Diese Aussage, beziehungsweise die Einstellung, die dahinter steht, mag ich nicht noch bestätigen, denn für mich gibt es „diese Länder“ nun mal nicht. Das wäre in etwa so, als würde man Europa zusammenfassen zu einer amorphen Masse von Menschen und vollständig ignorieren, dass jedes Land, eigentlich sogar jede Region, eine eigene Kultur besitzt. Trotzdem passiert es auch mir, dass ich der Einfachheit halber von „den Argentiniern“ rede, doch ich möchte immer wieder betonen, dass das in jedem Fall nur meine eigenen Erfahrungen darstellt, die sich auf verhältnismäßig wenige Menschen beziehen, die ich kennengelernt habe.

Gerade in den letzten zwei Monaten, nachdem ich einigermaßen wieder zu Hause angekommen war, hat mich die Frage beschäftigt, was dieses Jahr in einem anderen Land bei mir bewirkt hat. Habe ich mich verändert? Hat sich etwas an meiner Weltsicht verändert?  So oft habe ich schon zu hören bekommen „Da wirst du dein ganzes Leben von zehren, von diesen Erfahrungen!“, aber was genau habe ich denn erfahren?

Ich denke auf jeden Fall, dass das Leben in Argentinien, aber auch der intensive Austausch mit den Leuten dort, mir geholfen hat, die deutsche Kultur aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und vieles auch in Frage zu stellen, was mir vorher als selbstverständlich vorkam. Dabei denke ich zum Beispiel an unser Schulsystem, an Werte wie Pünktlichkeit und Planbarkeit, aber auch an den Leistungsdruck, die Ungeduld und die Abwertung von Menschen, die laut unserer Gesellschaft „nichts erreicht“ haben. Gleichzeitig ist mir auch bewusst geworden, wie verschieden Menschen sein können und dass man nicht von einer richtigen und einer falschen Weltsicht sprechen kann.

Eine schöne Erfahrung war auch, zu sehen, dass ich in der Lage bin mich trotz Sprachbarriere mit fremden Menschen zu verständigen, mich einfach irgendwo einzufügen, in ein Umfeld, von dem ich herzlich wenig Ahnung hatte. Auch meine Konfliktfähigkeit wurde dabei mehrmals auf die Probe gestellt und ich denke ich bin dem Ziel ein bisschen näher gekommen, mich einfacher auf Menschen einstellen zu können, auch wenn sie eine gegenteilige Meinung von einem essentiellen Thema haben.

Das Jahr habe ich auch nutzen können, um mir klar zu werden, was ich eigentlich will. Was will ich erreichen in meinem Leben? Woran möchte ich arbeiten? Was ist mir wichtig? Gerade der Abstand zu Deutschland hat mir gezeigt, was meine Wünsche sind und welche ich von irgendwem übernommen habe. Mein Berufswunsch hat sich in dieser Zeit nicht verändert, aber er hat sich verfestigt, da ich mir meiner Motivation bewusster geworden bin. Ich habe auch den ursprünglichen Plan über den Haufen geworfen, dieses Jahr noch mit dem Studium zu beginnen. Das Jahr, das ich dadurch gewinne, möchte ich einerseits für ein Praktikum (bei einem örtlichen, aber großen Energieversorger, da ich später in diese Richtung gehen möchte), andererseits aber auch zum Reisen nutzen. Die Tour von Buenos Aires nach Lima, die ich letzten Dezember mit einer Freundin unternommen habe, hat bei mir Reisefieber geweckt – und das Vertrauen in mich selbst, ohne das ich wohl nie alleine auf reisen gehen würde.

Zusammenfassen kann ich auf jeden Fall sagen, dass das FSJ die beste Entscheidung war, die ich hätte treffen können. Ich habe viel gelernt, viel gesehen und viele tolle Menschen kennengelernt, die ich jetzt meine Freunde nennen darf. Würde ich es weiterempfehlen? Ausnahmslos jedem. Würde ich es wieder machen? Auf jeden Fall!

¡Hasta pronto Argentina!

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3 Antworten zu Mein FSJ – Ein Rückblick

  1. Hallo!

    Herzlich willkommen zurück! Vielen Dank für Deinen nachdenklichen Rückblick.

    Mir fällt es meist nach einem Monat Griechenland schon schwer wieder zurück zu finden. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein ganzes Jahr noch viel mehr Anpassung benötigt.

    lg
    Maria

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  2. Maike schreibt:

    Es war toll hier zu lesen und ich freue mich über deinen Rückblick! Und dein Fazit und dass du soviel daraus mitnehmen konntest!
    Ich war mal nur knapp 2 Wochen in Mexiko, Tijuana in den Slums und habe dort mit anderen zusammen ein Haus für eine Familie gebaut, Kinder betreut und das hat mich sehr sehr geprägt. Bis heute (das ist schon ca. 18 Jahre her!). Und darum freue ich mich immer, wenn ich Menschen „kennenlerne“, die auch über den Tellerrand schauen, etwas (zunächst einmal) uneigennütziges tun. 🙂
    Hab eine gute Zeit und Danke für’s Teilhaben dürfen!
    Liebe Grüße, Maike

    Gefällt 1 Person

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