Was es bedeutet, eine Frau zu sein

Um jegliche Verwirrungen und Missinterpretationen zu vermeiden: Ich bin zwar in Argentinien, aber das bedeutet nicht, dass dieser Artikel nur über Argentinier geschrieben ist. Der einzige Grund, warum ich über Dinge rede, die mir hier in La Plata widerfahren sind, ist der, dass sie noch nicht so weit zurückliegen und mir deshalb präsenter sind als andere Situationen. Ich entschuldige mich im Vornherein für die Verwendung von Kraftausdrücken.

Außerdem möchte ich klarstellen, dass ich kein Mensch bin, der gerne übertreibt oder der überall nur noch sexistische Handlungen sieht. Als Leserin wirst du mich wahrscheinlich verstehen, vielleicht sogar an ähnliche Situationen zurückdenken. Wenn du ein Leser bist, möchte ich dich darum bitten, diesen Text nicht als feministischen Schwachsinn, als Rumgezicke oder übertriebenes Gehabe abzutun, sondern zu versuchen, dich in meine – unsere – Realität hineinzuversetzen, die sich wohl grundlegend von deiner unterscheidet.

Das Leben einer Frau in unserer Welt beginnt mit einem Haufen ästhetischer Normen, denen wir uns anpassen müssen, wenn wir als „schön“ und „begehrenswert“ gelten wollen (auch Männer sind solchen Zwängen ausgesetzt, das möchte ich hier gar nicht bestreiten, ist aber nicht Thema dieses Artikels). Lange Haare, hübsches Lächeln, gute Figur…Anforderungen an die ideale Frau gibt es viele und sie werden uns beigebracht durch Bücher, durch Filme, durch Werbung, durch Freunde und Familie.

Was lehrte uns schon Aschenputtel? Es ist immer die Schönste im ganzen Land, die am Ende den Prinzen kriegt. Dieses Muster zieht sich so durch alle Medien und durch unsere Gesellschaft: Die Aufmerksamkeit der Männer bestimmt deinen Wert als Frau.

„Mit der Figur findet die doch niemals einen Mann.“ , „Die ist so hässlich, ich wette der Freund macht jedes Mal das Licht aus, wenn er Sex will.“  Na? Ertappt? Ich bin mir fast sicher, du hattest Gedanken dieser Art schon, hast sie vielleicht sogar laut ausgesprochen. Das sind nur Beispiele dafür, wie oft und vor allem wie einfach Frauen an ihrem Wert für die Männerwelt gemessen werden. Im Vergleich sind das wahrscheinlich noch harmlose Varianten, aber es mangelt definitiv nicht an Kommentaren, die uns degradieren und zum bloßen Sexobjekt machen.

Das beginnt schon, wenn ich morgens aus dem Haus gehe, um zur Arbeit zur laufen. Nur wenige Male bin ich unbehelligt angekommen, eigentlich kann ich gar nicht mehr zählen wie oft in meinem Leben mir hinterher gepfiffen, ich angehupt oder mir irgendwas zugerufen wurde. Das kann von einem einfachen „Hallo“ über ein „Was für schöne Augen!“ bis hin zu einem „Ich will dich ficken!“ gehen. Weitere beliebte Varianten sind „Du bist aber hübsch“, „Na, schöne Frau?“ oder „Geiler Arsch!“

Ich hatte bereits mit zwei guten Freunden eine Unterhaltung darüber. Einer (Ich hoffe du liest das und verstehst endlich, was ich dir damals sagen wollte. Und, dass ich immer noch sauer bin.) hat mir tatsächlich empfohlen, ich solle das Ganze doch als Kompliment betrachten. Die Männer würden mich eben hübsch finden. Ich glaube, er hat nichts, absolut gar nichts, von dem verstanden, was ich ihm gesagt habe.

Es ist kein Kompliment, wenn Männer dich als Freiwild betrachten. Wenn sie dich ungefragt als Wichsvorlage benutzen. Wenn sie deinen Körper begutachten und bewerten wie auf dem Viehmarkt und wenn sie Kommentare abgeben, ohne nach ihrer Meinung gefragt worden zu sein.

Der andere – den ich bis dahin für einen Menschen gehalten habe, der sehr offen und feministisch geprägt ist – hat uns Frauen sogar eine Doppelmoral vorgeworfen, da wir solche Kommentare und Annäherungsversuche nur bei hässlichen Typen eklig finden und sie von Typen, die uns gefallen, begrüßen würden.

Das ist nicht so. Es ist egal, ob der Mann in abgeranzten Klamotten oder neuem Anzug vor mir steht. Es zählt, was er sagt, was er tut und wie er uns ansieht. Jedes Mal, wenn mich einer betrachtet wie ein Stück Frischfleisch, schüttelt es mich vor lauter Ekel und ich balle die Faust vor Wut. Diese Typen würde ich so gerne anschreien und ihnen  kräftig in die Eier treten, damit sie sich wenigstens keinen mehr auf mich runterholen können. Letztendlich tue ich es doch nicht, weil ich Angst haben muss, danach nicht nur angestarrt, sondern vergewaltigt oder zusammengeschlagen zu werden.

Das ist, wozu wir erzogen werden: Angst haben. Mir drängt sich da die Frage auf, warum die Schuld an Raub beim Täter, bei Vergewaltigung oder sexueller Belästigung aber immer noch beim Opfer gesucht wird. Uns Frauen wird eingeprägt: Klamotten, die zu viel zeigen, sind gefährlich. Nachts alleine nach Hause gehen ist gefährlich. Zu Fremden ins Auto steigen ist gefährlich. Egal wo wir sind, unser Recht im öffentlichen Raum wird permanent eingeschränkt. Wir müssen überlegen was wir anziehen, wo wir langgehen und wie wir uns verhalten, wenn wir unangenehm angemacht werden. Sobald wir unser Haus verlassen, werden wir von einer Persönlichkeit zum Unterhaltungsobjekt für all die Männer, die nichts Besseres zu tun haben, als uns zu beschauen und zu bewerten oder Schlimmeres.

In all diesen Momenten werden meine Grenzen missachtet, es ist den Männern schlichtweg egal, dass es überhaupt Grenzen für sie gibt, dass ich kein Interesse an ihnen habe, sie ignorieren sogar ein deutliches „nein“. Das hat schon angefangen bevor ich überhaupt in die Pubertät gekommen bin: Starrende Blicke hier, eine „zufällige“ Hand auf meinem Arsch da…die Liste kennt auch hier kein Ende und wird auch so schnell keines kennen, bis ich alt und faltig und damit uninteressant geworden bin.

Deutlich ältere Männer, die mir an Bushaltestellen, in Bahnen und sonstigen öffentlichen Plätzen ungefragt Gespräche aufzwingen, sind keine Seltenheit und ich frage mich bis heute, woher sie die Frechheit nehmen mich anzusprechen – und mir dann auch noch wortwörtlich zu sagen, dass sie mich gerne ficken würden.

Den Mädchen wird währenddessen beigebracht, nett zu sein. Wir sollen gefälligst lächeln und dann höflich die Aufmerksamkeit ablehnen, die uns zuteil wurde, auf gar keinen Fall sollen wir etwas Unüberlegtes entgegnen, sonst müssen wir Angst haben noch mehr beleidigt, geschlagen, vergewaltigt oder abgestochen zu werden.

Vor allem in Discos habe ich viele Männer getroffen, die ein Nein nicht akzeptieren können. Sie brauchen stets mehrmaliges Kopfschütteln und Wegdrehen, bis sie sich eine Andere zum Auffordern suchen. Einer der Typen, die ich das letzte Mal abgelehnt habe, wurde richtig wütend. Ich habe durch die Musik nicht verstanden, was er geschrien hat, aber etwas Nettes war es sicher nicht und seine Gesten lassen darauf schließen, dass er mich aufs Übelste beleidigt hat.

Ich habe keine Lust mehr, mich einschränken zu lassen. Ich will die Klamotten anziehen, die mir gefallen, ohne mir Gedanken über die Reaktionen anderer Leute zu machen, ich will in der Disco unbehelligt tanzen und ich will über meinen Körper selbst entscheiden können.

Mir läuft jedes Mal die Galle über, wenn ich zur Sicherheit die Straßenseite wechsle, wenn ich den Schlüsselbund fester kralle oder Umwege laufe, nur um nachts allen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Bis heute verstehe ich nicht, warum in unserer ach so emanzipierten Gesellschaft immer noch die Frauen dazu erzogen werden, sich vor den Männern zu beugen, anstatt den Männern mal beizubringen ihren Sexualtrieb unter Kontrolle zu halten.

Wenn du dich bei all dem fragst, ob ich zufälligerweise Männer hasse, auf Frauen stehe oder ein Matriarchat aufbauen möchte – all das ist nicht der Fall. Ich möchte lediglich eine sachliche und offene Diskussion über den Fakt, dass Sexismus für die meisten Frauen Alltag ist. Jeder von euch hat mindestens eine Mutter und eine Oma, vielleicht sogar eine Frau oder Freundin, Schwestern, Tanten oder sogar Töchter und ich möchte, dass ihr euch für sie alle mit der Situation auseinandersetzt. Feminismus ist auch nicht das Gegenteil zu Machismus, falls ihr dieser Meinung seid. Es geht darum, Gleichheit zu schaffen und den öffentlichen Raum für Frauen betretbar zu machen.

Ich habe eine Bitte an dich: Wenn du das nächste Mal den Mund aufmachst, denk bitte nach, ob du mit deinen Worten irgendjemanden sexualisierst, aufs Körperliche begrenzt, zum Objekt degradierst oder auf sonst irgendeine Art geschlechtliche Stereotypen unterstützt. Dasselbe gilt für eindeutige Blicke, Gesten und sonstige Handlungen. Danke, du machst damit die Welt zu einem besseren Ort.

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