Notizen aus der Heimat

Da bin ich endlich über 18, könnte wählen und ausgerechnet bei der ersten Wahl die ansteht bin ich dann gerade mal am anderen Ende der Welt…so ein Mist!

Verfolgen tue ich die Ergebnisse natürlich, online, und bin stolz auf meine Gemeinde: Weder AfD noch NPD tauchen bisher in den Zwischenergebnissen auf! Ganz anders leider in der Kleinstadt, in der ich letztes Jahr noch aufs Gymnasium gegangen bin…Auf stolze 14% kommt die NPD hier und ist somit im Stadtparlament. Das war sie zwar schon vorher, aber eben nur mit knapp 5%, das ist schon ein deutlicher Unterschied. Was ist passiert?

Die Kleinstadt war für mich immer offen irgendwie. Eine Gemeinschaft von verschiedenen Nationalitäten, auch an meiner Schule. Ich hatte Mitschüler mit Eltern aus dem Iran, aus der Türkei, aus Thailand, multikulti eben und voll integriert. Und auf einmal ist diese bunte Kleinstadt in den Medien, betitelt als das braune Nest Hessens. In umliegenden Dörfern lag der Anteil der NPD sogar bei stolzen 30%. Da fehlt erschreckend wenig zu den Wahlergebnissen der NSDAP 1933.

Dabei schien doch alles so gut. Als ich Deutschland verlassen habe waren die Nachrichten noch voll von „Ja, wir schaffen das“ und Berichten über die neue „Willkommenskultur“ und es sah ganz danach aus, als hätte das Land seine Geschichte hinter sich gelassen, als könnten wir der Welt endlich zeigen, wie weltoffen wir sind. Ab und an lese ich ja Zeitungen aus der Heimat, um nicht ganz den Faden zu verlieren und ich bin jedes Mal erschrockener über das, was ich lese. Die vielen angezündeten Flüchtlingsheime, die Hetze in sozialen Medien, öffentliche Äußerungen über einen Schießbefehl an Grenzen und vieles mehr. Was ist los mit dir, Deutschland?

Ich weiß nicht, wie es wirklich ist, zuhause. Ich weiß nur, welchen Eindruck mir diverse Tageszeitungen und Nachrichtensendungen vermitteln und mir macht der Hass Angst, der so herüberschwappt. Die Feindlichkeit, die Angst vor der Veränderung, die ständigen Diskussionen über die Schließung von Grenzen oder über die Begrenzung der Flüchtlingszahlen, über Integration und Anpassung, die vielen Kommentare, die anfangen mit „Ich bin ja kein Nazi, aber…“, all das macht mir Angst und ich bin eigentlich gar nicht sicher, ob ich mich auf eine Rückkehr in ein solches Land freue.

In der Kleinstadt in Hessen hat sich die Stimmung gewendet. Ein Flüchtlingsheim wurde eröffnet in einer alten Kaserne, die keiner genutzt hat und plötzlich wurden die Stimmen laut, die dagegen sind. Stimmen, die die Menschen, die bei uns Schutz suchen vor einem Krieg, den sie nicht angefangen haben, nicht aufnehmen wollen. Stellt euch vor, es wäre andersrum. Stellt euch vor, eben diese Kleinstadt würde zerbombt werden. Wo würdet ihr hingehen? So weit weg wie möglich, oder nicht? Ihr würdet eure Familie nehmen, euren Geldbeutel, euren Ausweis, euer Handy und ab in das nächste sichere Land. Ihr habt gehört, dass es ein Land gibt, das Asyl gewährt, das euch schützen wird..also würdet ihr euch auf den Weg machen, oder nicht? Auch wenn das bedeutet, euer letztes Geld an einen Schlepper zu bezahlen oder zu Fuß mehrere Grenzen zu überqueren..für die Sicherheit wäre es euch wahrscheinlich wert. Diese Menschen, die da ankommen und angeblich unser Land überfluten, das sind doch Leute wie du und ich. Sie träumen auch nur von einem normalen Leben, einem sicheren Alltag mit genügend Essen und einem Dach über dem Kopf. Sie haben vielleicht dieselben Streits mit der Frau über den Abwasch und mit den Kindern übers Zimmer Aufräumen. Mit dem einzigen Unterschied, dass ihnen all das genommen wurde.

Die Kleinstadt war vor gar nicht allzu langer Zeit schonmal in den Medien: Da hat die NDP versucht am Tag der Machtergreifung Hitlers mit Fackeln durch die Stadt zu laufen, alles organisiert von einer Frau, die nicht mal aus der Region kommt. Gefeiert hat sich die Stadt danach, nachdem die Fackeln gerichtlich verboten wurden und viel mehr Gegendemonstranten als Neonazis aufgetaucht sind. „Weltoffen“ war das Wort, das die Stadt fortan beschrieb, doch die Wahlergebnisse zeigen für mich etwas komplett anderes. Offen seine Meinung sagen tut offensichtlich niemand, aber bei der geheimen Wahl, da sieht es ja keiner, wenn man sein Kreuzchen versehentlich zu weit rechts macht.Ich hätte liebend gern gewählt. Hätte mein Kreuz demonstrativ woanders hingesetzt.

Natürlich ist es nicht einfach. Wenn unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen gibt es immer Probleme, das möchte ich gar nicht abstreiten und gerade meine Erfahrungen in Argentinien zeigen mir, dass es manchmal schwer sein kann, Differenzen zu überwinden und sich auf andere Weltansichten einzulassen. Trotzdem fürchte ich mir vor meiner Heimat, denn es schien unvorstellbar für mich, dass so schnell eine Radikalisierung eintritt. Wie weit soll das denn noch gehen? Die NPD im Stadtparlament, demnächst vielleicht auf Bundesebene und dann? Was kommt danach, Deutschland? Haben wir nichts gelernt?

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