Gedanken

 

Die Frage ist doch eigentlich: Ist das wichtig, was ich hier in Argentinien mache? Hat Freiwilligenarbeit einen Sinn?

Angeregt durch das Zwischenseminar und eine längere Diskussion mit einem Freund beschäftigt mich das in letzter Zeit enorm. Zahlreiche andere Blogs bestätigen, dass ich nicht die einzige bin, die einige Dinge kritisch sieht und andere Ideen oder Wünsche für die Zukunft hat, aber Menschen – wie eben jener Freund – mit gegenteiligen Ansichten bringen mich immer wieder aus dem Konzept. Es ist komplizierter als ich dachte, meine Ansichten auf einer rationalen und sachlichen Ebene zu verteidigen. Klar ist es einfach mit jemandem über Umweltschutz zu reden, der sich selbst dafür engagiert, so wie die Leute hier in der Fundación zum Beispiel, aber jemanden überzeugen zu wollen, der scheinbar ein komplett anderes Wertesystem hat, das ist kompliziert.

 

Ich finde es auch gerade sehr kompliziert, darüber zu schreiben, das alles in Worte fassen. Wie verteidigt man denn seine Weltsicht? Mit welchem Recht kann ich denn eigentlich behaupten: So wie es ist, ist das blöd, also müssen wir es ändern! Natürlich, ich finde das vielleicht blöd, jemand anderen stört es aber nicht im geringsten. Wenn ich sage „Die Arbeiter, die unsere Klamotten herstellen, werden nicht gut genug bezahlt und arbeiten unter unwürdigen Bedingungen.“, dann sagt jemand anders: „So ist das halt. Das ist Wirtschaft, so ist die Welt nun mal. Und ich finde es toll, dass Kleidung dadurch so billig ist.“.  Für mich eine doofe Situation, weil ich nicht verstehe, wie jemand so sein kann, so…ich weiß es gar nicht…ohne Mitgefühl? Desinteressiert? egozentrisch? Vielleicht übertreibe ich auch einfach nur und bin…extrem?

Mit welchem Recht kann ich von anderen Leuten verlangen, ihr Leben zu verändern, nur weil ich finde, dass sie es falsch machen, weil mir die Auswirkungen nicht gefallen? Das kann ich nicht. Steht ja schon im Grundgesetz, freie Entfaltung der Person und so weiter. Genauso wenig kann ich darauf bestehen, dass ich Recht habe. Natürlich kann ich sagen, dass jeder von uns in der Verantwortung steht, sein Handeln auch nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft auszurichten, aber das ist letztlich nur meine Meinung. Gewisse andere Personen sagen dann, dass das eigene Glück im Vordergrund stehen sollte.

Wo ich mit diesem Artikel hinwill? Ich hab keinen Plan, merkt man vielleicht. Entschuldigung, ich hoffe ihr sucht den roten Faden nicht allzu lange. Das ist, wie der Titel schon sagt, nur eine Sammlung meiner Gedanken, vielleicht eine kleine, äh, Identitätskrise oder so.

„Du kannst dich nicht einfach hinstellen und alles schlecht reden. Solche Menschen kann ich nicht leiden. Wenn du ein Problem hast, dann bring wenigstens eine Lösung mit.“ Tja…Das ist ja an sich gar nicht mal so verkehrt im Ansatz. Aber bin ich denn für die Lösung verantwortlich? Im Kleinen schon, ja. Ich glaube daran, dass jeder von uns eine Verantwortung hat. Und etwas ändern kann, zumindest im Kleinen. Und wenn es nur mein Gewissen ist, was ich damit erleichtere, dann ist das doch schonmal ein Erfolg. Lösungen…wer muss denn Lösungen finden? Meiner Meinung nach sollten das Leute tun, die sich in einem jeweiligen Gebiet auskennen. Wirtschaft und Politik sind komplex, viel zu komplex um das einfach so zu verstehen, und alle Wurzeln des Bösen zu erkennen. Jedenfalls für mich. Ich kann sagen, wenn mich etwas stört. Trotzdem. Auch ohne Lösung. Wenn ich es doof finde, dass Industriemüll in der Natur landet, dann finde ich das halt doof. Und dann sage ich das auch. (Meinungsfreiheit!) Vielleicht erzähle ich das dann auch Menschen in meinem Umfeld, vielleicht finden die das auch doof. Aber muss ich dann auch eine Lösung für alles finden? Ich glaube nicht.

Wie seht ihr das? Stellt ihr euch ähnliche Fragen oder hattet ihr mal ähnliche Diskussionen?

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4 Antworten zu Gedanken

  1. Grünzeug schreibt:

    Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen – mir ergeht es manchmal ähnlich und ich finde es gut, dass du das schriftlich verarbeitest.
    Ich gehe übrigens mit dir mit: Niemand muss die absolute Lösung für alles haben. Und ich finde es – gelinde gesagt – sehr vermessen, das von anderen Leuten zu fordern.
    Allein der Wille und der Wunsch, etwas zu verändern und (wie du schon schreibst) bei sich, im Kleinen, damit anzufangen, ist schon ein großer Schritt, den diejenigen, die gleich auf eine universal umsetzbare Lösung pochen, erst einmal ebenfalls bitte gehen sollten. Denn ich möchte unterstellen, dass sich hinter dieser Forderung auch oftmals Bequemlichkeit verbirgt – „wenn alle anderen es ebenso machen, warum darf ich das dann nicht auch?“
    Und ich glaube nicht, dass du extrem in deinen Ansichten bist – höchstens in der Umsetzung. Wenn man es denn als „extrem“ bezeichnen kann, wirklich nach der eigenen Überzeugung zu handeln und nicht mit der Masse mitzulaufen, sich insgeheim aber dafür zu verfluchen. Für mich ist es das einzig Richtige – und finde es toll, dass du es lebst!
    Einmal abgesehen davon glaube ich nicht, dass andere Menschen ernsthaft gleichgültig gegenüber Kinderarbeit, Umweltverschmutzung und so weiter sind. Sie verdrängen die Probleme höchstens. Aber im Grunde seines Herzens möchte doch jeder und jede eine friedliche, glückliche, gesunde und gerechte Welt.

    Liebe Grüße
    Jenni

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    • missmargarite schreibt:

      Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar! Schön zu hören, dass ich verstanden werde. Und ja genau, eben diese Bequemlichkeit, dieses Augenverschleißen, das ist das Problem glaube ich. Richtige Gleichgültigkeit, da hast du Recht, das traue ich wenigen Menschen zu…Es ist eben mehr so ein Ignorieren und Hoffen, dass irgendein anderer daherkommt und die Probleme löst. Danke für die Zustimmung und liebe Grüße,
      Miss Margarite

      Gefällt 1 Person

  2. strickliesel59 schreibt:

    Ja, dem kann ich voll und ganz zustimmen. Erst kürzlich hatte ich ein ähnliches Gespräch, das da endete mit dem Satz: ich will leben und wenn ich tot bin, krieg ich eh nichts mehr mit, wie die Erde kaputt geht… Von dieser Aussage war ich schockiert und ratlos, weil ich darauf erst mal keine Antwort mehr wusste. Ob dieses Gespräch zum Nachdenken angeregt hat… ein paar Tage später erzählt dieselbe Person ganz stolz, dass viele Handelsketten in Deutschland die Plastiktüten abschaffen wollen 🙂 und sie das richtig gut findet…
    Ich bin fest davon überzeugt, dass auch solche Streitgespräche eine Wirkung haben können und vielleicht doch den Einen oder Anderen „aufwecken“

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